Felix – ein Name mit Widerspruch

Felix

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Gastbeitrag von
Vorstellung
– Darf ich mich ihnen vorstellen? Ich bin Felix, 58 Jahre alt und schreibe zum ersten Mal einen Gastkommentar in einem Blog. Aufmerksam auf diese Seiten wurde ich durch den Beitrag “Depression – ein unsichtbares Monster“. Da keimte in mir der Gedanke auf, einen Gastbeitrag zu diesem Thema zu verfassen.
Depression = Krankheit?
Nun. Es ist eine Krankheit. Woher ich das weiß? Ich bin Betroffener und an einer Depression erkrankt.Aber das habe ich erst viel später erfahren. Zunächst ging es mir nur nicht mehr so gut. Die tägliche Arbeit viel mir immer schwerer, ich war gereizter und viel aufbrausender als sonst. Immer wieder hatte ich “Stimmungstiefs”, aus denen herauszukommen, es immer schwerer wurde. Bis ich gar nicht mehr lachen konnte. Dazu kamen Kopfschmerzen. Ständig dieses Pochen im Kopf, das sich nur noch mit Schmerztabletten eindämmen ließ. Aber spätestens am nächsten Morgen war er wieder da, der Schmerz. Oftmals dachte ich darüber nach, warum ich dieses Schicksal hatte. Warum es mir so schlecht ging und niemand davon Kenntnis nahm. Warum nur erwarteten alle Menschen nur, dass ich funktionierte? Dass ich meinen Job im Leben ausfüllte. Meine Befindlichkeiten schienen niemanden zu interessieren. Bis ich eines Tages nicht mehr tun konnte, was mir mein Kopf (oder war es mein  Pflichtbewußtsein?) befahl. Mein Körper versagte mir seinen Dienst und weigerte sich konsequent dagegen, mich zu meiner Arbeitsstätte zu bringen. Er machte einfach nicht mehr mit. So kam es, dass ich mir bewusst wurde, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Dennoch hatte ich ein riesengroßes Glück, dass ich eine fürsorgliche Ehefrau und einen erfahrenen Arzt habe, zu dem mich meine Gattin umgehend brachte. Dieser sagte dann auch ziemlich schnell und unverblümt: “Lieber Felix, Sie sind krank. Ihre Seele ist krank. Jetzt ruhen sie sich erst mal aus. Sie brauchen Hilfe.” Da erhielt ich meinen ersten Krankenschein mit der Diagnose “Depression”. Ich, Felix, dessen Namen Glücklichsein verheißt, erkranke als makaberer Streich der Ironie an einer Depression.
Suche nach der Ursache
Der Arzt gab mir noch mit, mich mit meinem Leben zu befassen. In der Vergangenheit würde vielfach der Schlüssel zu dieser Art von psychischer Erkrankung liegen. Also machte ich mich mit Unterstützung eines Psychotherapeuten an die Arbeit, die Ursache für meine Depression zu finden. Einzig mit dem Hintergrund, diese im Anschluss zielgerichtet aufarbeiten und bekämpfen zu können. Doch wo lag und liegt die Ursache bei mir? Im Laufe Gespräche und endlosen Gedanken kam ich zu dem Schluss, dass es diese eine Ursache gar nicht gibt. Vielmehr ist es ein Konglomerat vieler Gründe. Der eine schwerwiegender als ein anderer. Aber die Summe macht’s.
Die Vergangenheit
Ich will nicht sagen, dass ich eine schlimme Kindheit hatte. Das behaupte ich nicht, weil es so war, sondern weil ich mich an so gut wie nichts in meinen ersten vierzehn Jahren meines Lebens erinnern kann. Das Wenige, das mir im Gedächtnis geblieben ist, ist die Tatsache, dass meine Mutter eigentlich immer krank war. Aus diesem Grund hatten meine kleineren Brüder und ich nicht wirklich eine Mutter. Zumindest keine liebende und umsorgende Mutter. So wie man sich das landläufig vorstellt. Da mein Vater oft arbeiten war, hatte ich die undankbare Aufgabe, nach der Mutter und den Brüderchen zu schauen, wenn ich aus der Schule nach Hause kam. Recht früh nach meiner Volljährigkeit lernte ich die nächste Katastrophe meines Lebens kennen. Die Frau, die ich recht bald als meine erste Ehefrau zu bezeichnen hatte. Gegen den Willen meiner Eltern damals. Da konnten sie sich plötzlich um ihren Sohn kümmern. All die Jahre zuvor war ihnen so ziemlich alles entgangen, was mich betraf. Inklusive meines schulischen Absturzes. Na ja. Wir wurden dann auch schnell schwanger. Ich weiß bis heute nicht, ob ich mich darüber freuen konnte. Schließlich bedeutet ein Kind Verantwortung. Jene Verantwortung aus Kinderzeiten gegenüber meiner Brüder, die ich durch die Hochzeit abgeben konnte, baute sich drohend wieder vor mir auf. Doch das Schicksal oder Gott oder was auch immer meinte, mein Leben noch ein wenig durchschütteln zu müssen. Denn im Alter von dreieinhalb Wochen verstarb mein Sohn. Meine damalige Frau als auch meine Eltern erwarteten Hilfe und Unterstützung von mir. Also versuchte ich ihnen, diesen zu geben. Funktionieren musste ich auch wieder. 18 Stunden nach dem Tod meines Sohnes musste ich wieder arbeiten gehen. Man erwartete das von mir. Nach der Geburt des zweiten Sohnes und kurz darauf folgenden Tod meiner Mutter entfremdete sich meine Frau immer mehr von Ehemann und Sohn. Sie hatte mehrere Liebschaften und lebte nur noch in ihrer eigenen Welt. Irgendwann packte sie ihre Siebensachen und verließ Ehemann nebst Sohn in Richtung eines ihrer Liebhaber. Zurück ließ sie einen Zwölfjährigen, dessen Vater und eine Menge Schulden. Was für mich bedeutete: weiter funktionieren. Keine Zeit mit dem Erlebten umzugehen. Du musst tun, was zu tun ist. Von meinem Vater war außer ein paar Mark nichts zu erwarten. Kein Aufbauen, keine psychische Unterstützung, nicht das Angebot von wirklicher Hilfe. Dann lernte ich meine wahre Frau kenne. Die Frau, die ich seit mittlerweile seit fast zwanzig Jahren liebe. Und das jeden Tag mehr. Doch auch diese Zeit war anfangs sehr anstrengend. Arbeiten, zusammen drei Kinder und immer zu wenig Geld. Das geht an die Substanz. Doch das wurde besser. Es gab sogar richtig gute Zeiten. Da klappte es sogar im Job. Doch genau dieser brachte mich letztlich soweit, wie ich heute bin. Denn unglücklicherweise war ich in einem Unternehmen beschäftigt, das sich zwar großkotzig als “Global Player” bezeichnete, im  Grunde aber nichts anderes war als ein Provinzunternehmen mit kleinkarierten Strukturen und genauso kleinkarierten Führungsverantwortlichen. In den letzten Jahren ging es ausschließlich um Umstrukturierungen, Stellenabbau und Kostenreduzierungen. Arbeitnehmer sind in solchen Unternehmen schmarotzende Kreaturen, die den Unternehmensgewinn und damit die Dividende der Anteilseigner zum Schmelzen bringen. In einem günstigen Augenblick wechselte ich den Arbeitgeber, ganz in der Hoffnung, nun das Richtige gefunden zu haben. Doch weit gefehlt. Die Chefin war eine egoistische, nur aufs Geld bedachte Person, die keine Gelegenheit ausließ, darauf hinzuweisen, wie teuer doch die Mitarbeiter seien. Und wie wenig ihr nur zum Leben bliebe. Über die vielen  kleinen teuren Spielzeuge dieser Dame möchte an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Der Chef war ein Pedant vor dem Herrn. Nichts, aber auch gar nichts war dem guten Mann recht zu machen. Er hätte am liebsten gesehen, wenn ich genau wie er, auch am Wochenende noch in der Firma gewesen wäre. Und dann noch der Geiz der beiden Chefs. Im Winter musste man sich mit dicker Unterwäsche, Moonboots und dicken Pullovern kleiden, um nicht komplett durchzufrieren. Die Heizkosten sollten halt niedrig bleiben. Und die Toiletten wurden innerhalb eines halben Jahres ein einziges Mal geputzt. Das aber nur, weil sich ein sehr prominenter Kunde angekündigt hatte. Wer weiß, vielleicht musste dieser ja mal aufs Töpfchen, das man ihm so verdreckt schlecht anbieten konnte. So war es eine Erlösung, als ich die Kündigung dieser feinen Herrschaften erhielt. Als ich meinen zweiten Krankenschein einreichte, warf man mir vor lauter Feigheit, die Kündigung in den Briefkasten am Haus. Doch das alles hatte ein Gerichtsverfahren und weitere psychische Belastungen zur Folge.
Ärzte und medizinische Einrichtungen
Glücklicherweise fand ich sehr schnell (innerhalb von sechs Wochen) einen Psychotherapeuten, der mir leider nur einen Platz in einer Gruppe anbieten konnte. Diese Gruppe belastete mich mehr als dass sie mir half. Irgendwann später fand sich ein guter Psychiater, der mich auf Anraten des Therapeuten entsprechenden Psychopharmaka versorgte. Eine Reha-Maßnahme kostete mich sehr viel Kraft. Konnte mir aufgrund der Tatsache, dass die meisten Anwendung in der Gruppe erfolgen, nicht wirklich weiterhelfen. Immerhin habe ich einen Abschlussbericht, den ich bei Ämtern und Behörden vorlegen kann. Einen Therapeuten für Einzeltherapie habe ich auch nach anderteinhalb Jahren noch nicht gefunden.
Behörden, Krankenkassen und Ämter
Aber ich habe eine tolle Krankenkasse. Deren Mitarbeiter streichen das Krankengeld, weil sie ärztliche Befunde nicht richtig lesen. Der Widerspruch dauert dann volle drei Monate, in denen man keinen Cent sieht. Sehr kundenfreundlich sind auch die Termine beim Medizinischen Dienst. “Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen” steht im Einladungsschreiben zu lesen. Warum gerade ich Termine um 07:30 Uhr bekomme, obwohl ich eine Anreise von gut einer Stunde habe? Um das frühe Aufstehen auszugleichen, wartet man halt noch eine Stunde, bis der Arzt/die Ärztin sich um einen kümmert. Jetzt bin ich bald ausgesteuert und darf beim Arbeitsamt vorstellig werden. Der zuständige Amtsarzt hat als erste Amtshandlung erst einmal nichts anderes zu tun, als mir auf Grund der Aktenlage, die Fähigkeit einer Vollzeit-Tätigkeit zu attestieren. Das zuständige Versorgungsamt, bei dem ich einen Antrag auf Schwerbehinderung  gestellt hat, wird sich erfahrungsgemäß in einem halben Jahr bei mir melden. So lange brauchen die gewöhnlich für die obligatorische Ablehnung. Sollte ich jetzt noch eine Erwerbsminderungsrente beantragen, wird dem Umstand, dass einer meiner Brüder wegen sexuellen Missbrauchs frühverrentet worden ist, kein Augenmerk geschenkt. Auch da erwarte ich zunächst eine Ablehnung. Ich denke, dass dies Methode bei öffentlichen Stellen, Krankenkassen und Rentenversicherungen hat. Erstmal ablehnen. Dann verzichten schon mal einige auf den Widerspruch. Dann auch diesen Widerspruch abschmettern und die Wenigsten ziehen vor Gericht. So bekommen Schreibtischtäter bei den oben genannten Einrichtungen eine weitere Schulterklappe und eine höhere Besoldung. Entscheidungen werden grundsätzlich nach Aktenlage gefällt. Wo käme man denn hin, wenn auch noch die Betreffenden persönlich beachten müsste? Im Übrigen gibt mir der Umstand, dass ich mich an meine Kindheit nicht erinnern kann, der Missbrauch an meinem Bruder und mein psychischer Zustand zu denken. Warum nur kann ich mich nicht an meine Kindheit erinnern? Ich danke dem Webmaster Volker für die Möglichkeit, diesen Gastbeitrag zu veröffentlichen. Auch für das tolle Beitragsbild und die redaktionelle Überarbeitung bedanke ich mich herzlich.

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