Konjunkturpaket – die Wahrheit über die Mehrwertsteuersenkung

Mehrwertsteuersenkung als Teil des Konjunkturpakets

Das Bundeskabinett hat sich am vergangenen Mittwoch auf die Eckdaten für das Konjunkturpaket wegen der Corona-Pandemie verständigt.
Neben vielen Hilfen für die Wirtschaft und einer zu versteuernden Einmalzahlung in Höhe von 300 Euro je Kind, für das Kindergeld bezogen wird, hat man sich auch auf die ‘größte Steuersenkung aller Zeiten’ festgelegt. Demnach sollen ab 01. Juli 2020 die Mehrwertsteuersätze von 19 auf 16 Prozent und von 7 auf 5 Prozent bis zum Jahresende 2020 gesenkt werden. 

Diese Senkung soll verpflichtend an die Kunden weitergegeben werden. Und auch Supermarkt-Ketten wie Aldi, Rewe und Edeka haben bereits bekundet, dass sich die Steuersenkung auch auf die Preise auswirken wird. 
Die Verbraucherzentrale hat zudem angekündigt, dass sie das Preisverhalten der Händler sehr genau beobachten werde.

Nun, zur Einführung des EURO zum 01. Januar 2002 hatten wir eine ähnliche Situation wie heute.
Denn von staatlicher Seite wurde dem Handel untersagt, bei der Umrechnung der Preise von DM auf EURO eine verdeckte Preiserhöhung einzupflegen. Auch damals hoben die Verbraucherschützer den Zeigefinger und kündigten eine genaue Beobachtung der Preisentwicklung an.  

Doch was geschah mit der Einführung der europäischen Währung tatsächlich? 
Der EURO brachte ein Preiserhöhung. Das wird jeder bestätigen können, der schon 2002 Kunde des stationären Einzelhandels war.

Zwei simple Tricks ermöglichen es dem Handel, die Erhöhung der Mehrwertsteuer in den eigenen Kassen zu belassen.

1.

Die Erhöhung vor der Senkung. Überaus simpel, aber ebenso effektiv. 
Der Handel erhöht vor der Mehrwertsteuersenkung die Preise um, sagen wir einmal, drei Prozent.  Mit Beginn des Juli 2020 werden dann die Preise um die drei Prozent reduzierte Mehrwertsteuer gesenkt. Voila, den Kunden freut’s – den Handel noch viel mehr.

2.

Alles wird teurer. Die Lohnkosten schrauben sich in die Höhe, die Beschaffungskosten steigen kontinuierlich und auch die Immobilienkosten kennen nur eine Richtung – nach oben.  
Was also macht der arme Händler, nachdem er die Preise zum 01. Juli um 3 Prozent gesenkt hat? Richtig. Er erhöht kurz nach dem 01. Juli 2020 die Preise. Begründung: die gestiegenen Kosten. Ganz besonders auch wegen der Corona-Krise.

Sie sehen, es ist also vollkommen einfach, an die rund zwanzig Milliarden zu kommen, die diese Steuersenkung dem Staat und damit dem Steuerzahler kosten wird. 
Dies wird umso leichter, wenn ein Händler über eine digitale Preisauszeichnung verfügt. Da ist es in der Tat nur noch der viel beschworene Klick und schon sind die Preise angepasst. 
Aber auch die Handelsunternehmen, die noch mit ‘haptischer’ Preisauszeichnung arbeitet, wird den Vorteil der Steuersenkung zu nutzen wissen. Das Ersetzen der papiernen Preisschilder ist zwar aufwändiger, aber bei 9,36 Euro Mindestlohn immer noch sehr rentabel.

Wir sollten uns dies aber nicht gefallen lassen und die Preisentwicklung der nächsten Zeit genau beobachten.
Hier ein paar willkürliche Beispiele (Stand 05.06.2020):

Preis bei Rewe*

0,775 €  Zielpreis am  01.07.2020 (basierend auf dem Preis vom 05.06.2020)  

  • 0,79 € (05.06.2020)
  • 0,79 € (27.06.2020)
  • 0,78 € (01.07.2020 07:00)
  • 0,78 € (02.07.2020) 

* Preis für Discountartikel. Der Preis dürfte sich also bei den Mitbewerbern nicht wesentlich unterscheiden.

Preis bei Aldi Süd*

3,07 €  Zielpreis am  01.07.2020 (basierend auf dem Preis vom 05.06.2020)  

  • 3,15 € (05.06.2020)
  • 3,15 € (27.06.2020)
  • 3,15 € (01.07.2020 07:00)
  • 3,15 € (02.07.2020)

Preis bei Media Markt

586,90 € Zielpreis am  01.07.2020 (basierend auf dem Preis vom 05.06.2020) 

  • 599 € (05.06.2020)
  • 599 € (27.06.2020)
  • 583,91 € (01.07.2020 07:00)
  • 583,90 € (01.07.2020)
Fazit: 

03.07.2020 
An den drei willkürlich ausgewählten Artikeln ergibt sich ein erstes Bild zwei Tage nach Senkung der Mehrwertsteuer:
1. Rewe: Der Zielpreis beträgt 0,775 Euro. Da dies an der Kasse schwer zu verrechnen ist, nutzt Rewe die kaufmännische Rundung und veranschlagt einen Preis von 0,78 Euro. Das ist ein halber Cent je verkaufter Tüte H-Milch, die die Rewe mehr in der Kasse behält. Das klingt zunächst wenig. Betrachtet man aber die Verkaufszahlen deutschlandweit, dann kommt da schon ein nettes Sümmchen zusammen. 
Beispiel: Ein Karton H-Milch mit 12 Packungen ergibt eine Differenz von 6 Cent. Verkaufen die rund 7.000 Rewe Filialen nur 10 Kartons H-Milch am Tag, macht das einen Mehrgewinn von 4.200 Euro pro Tag. Bis zum 31.12. ergibt das, grob gerechnet, einen Mehrwert von 655.000 Euro nur für die H-Milch 3,5% Fettgehalt bei dem viel zu niedrig kalkulierten Verkauf von 120 Einzelpackungen H-Milch pro Markt.

2. Aldi Süd: Der Zielpreis beträgt 3,07 Euro. Aldi Süd hat die reduzierte Mehrwertste.uer von 16% bisher noch nicht weitergeben. Das heißt, dass Aldi Süd seit drei Tagen je   verkaufter Flasche Listerine acht Cent in die eigene Tasche steckt. Bei 1.903 Aldi-Süd-Filialen und beispielsweise fünf verkauften Flaschen je Markt und Tag, macht das 9.515 Flaschen und 760 Euro am Tag. Das sind bis Jahresende rund 130.000 Euro nur beim Artikel Listerine. 

3. Media-Markt: Der Media-Markt bleibt mit seinem Verkaufspreis für die Waschmaschine um drei Euro unter dem, um die reduzierte Mehrwertsteuer, kalkulierten Verkaufspreis und ist hiermit der einzige Händler, der die Mehrwertsteuersenkung auch vollständig an den Kunden weitergibt.

Aber ich bleibe dran und werde mich immer wieder zu diesem Thema mit den neuesten Erkenntnissen melden.

Vielleicht gefällt dir auch

Ein Gedanke zu „Konjunkturpaket – die Wahrheit über die Mehrwertsteuersenkung

  1. Ich beobachte schon jetzt, dass bei einzelnen Produkten die Preise steigen. Am Ende profitiert von der Steuersenkung lediglich der Handel. Wenn in einem halben Jahr die Steuer wieder steigt, werden die Preise sicher teurer als es die Erhöhung rechtfertigen würde – wer rechnet da schon nach?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Leave the field below empty!

Ihr Buchvorschlag wurde erfolgreich versendet

Ich werde mich schnellstmöglich darum kümmern.