Nadine Teuber – Lobotomie

Buchtipp Nr. 185

Nadine Teuber – Lobotomie

Prolog

»Was ist denn schon dabei?« Noras Stimme hallt einsam von den Wänden der Ruine wider, während sie genervt die Augen rollt.
»Und wenn jemand kommt?« Stefan wischt ihre Hände beiseite, die sich bereits an seinem Hemd zu schaffen machen, und verschließt den obersten Knopf, den sie zuvor geöffnet hatte. Er mag sie. Ohne Frage. Ansonsten wäre er nicht mit ihr hier.
Die Sonne ist schon längst hinter den Bäumen unterge­gangen und die beginnende Dunkelheit legt sich über den Park. Waren tagsüber Pärchen, Familien und Seniorengrup­pen durch den Park flaniert, so haben sie doch alle bereits den Heimweg angetreten. Völlig verlassen liegt der Wörlitzer Park um Nora und Stefan herum. Die Vögel singen die letzten Lieder des Tages, begleitet von dem Zirpen der Grillen.
Ein perfekter Abend und Noras Meinung nach viel zu früh, um ihn zu beenden und heimzukehren. Heim – in ihr Elternhaus oder seine Studentenbude.
Für Nora ist beides keine Option.
Seit drei Wochen trifft sie sich nun mit Stefan, nachdem sie in dem blöden ICE über ihn gestolpert war.
Sie erinnert sich nur zu gut an die Fahrt. Eine Woche Urlaub bei ihrer besten Freundin lag hinter ihr. Kaum hatte Kathi das Abitur in der Tasche gehabt, war sie weggezogen, um in München Medizin zu studieren. Nora vermisst die Freundin furchtbar, zeigt das Fehlen ihr doch noch einmal mehr, dass alle außer ihr konkrete Ziele verfolgen.
Stefan traf bei ihrem Zusammenstoß keine Schuld. Er konnte nichts dafür, dass sie sich den Weg von der Toilette durch den überfüllten Zug zurück zu ihrem Sitzplatz gekämpft hatte. In ebenjenem Moment, als sie sich an ihm vorbei auf ihren Sitz zwängte, ging ein Ruck durch den Zug und sie landete fluchend auf seinem Schoß. Ihr Oberschenkel stieß schmerzhaft gegen den Tisch, der zwischen den sich gegenüberliegenden Sitzen aus der Wand ragte.
Ihr Kopf wurde knallheiß und sie wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken, während ihr Oberschenkel pochte und sie spürte, dass sich ein blauer Fleck bildete. Blitzschnell sprang sie wieder auf, ließ sich auf den Platz neben ihm fallen und presste die Hand auf den schmerzenden Oberschenkel. Wortreiche Entschuldigungen schleuderte sie ihm entgegen, während sie die Tischplatte vor sich akribisch musterte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, als er sich noch immer nicht zu ihrem Gestammel geäußert hatte, blickte sie auf und in seine tiefbraunen Rehaugen. Er schmunzelte amüsiert. Schlagartig verstummte sie und er nutzte die Stille, um zu fragen: »Ist alles in Ordnung?«
Ruhig und sanft drang seine Stimme an ihr Ohr. Eine Wohltat, wenn sie an lärmende Männerhorden dachte, in denen einer den anderen zu übertönen versuchte.
»Geht schon«, murmelte sie und wandte den Blick schnell wieder ab, bevor sie ein hastiges »Danke« hinzusetzte.
Die Aussicht, nach dieser peinlichen Aktion noch drei Stunden neben ihm zu sitzen, bis sie die heimische Bahnstation Lutherstadt Wittenberg erreichten, schien nicht verlockend. Doch er hielt ihr seine gekühlte Wasserflasche hin, damit sie den Schmerz an dem Oberschenkel lindern konnte.
Die folgenden drei Stunden befanden sie sich im Gespräch, wobei eigentlich nur Nora redete, wenn sie sich richtig erinnerte. Stefan stellte seine Fragen so geschickt, dass er im Anschluss alles von ihr wusste und sie von ihm – nichts. Höflich und zurückhaltend kam er um jede ihrer Fragen herum und stachelte damit erst recht ihre Neugierde an.
Am Ende der Fahrt tauschten sie ihre Nummern aus, doch wann immer sie sich trafen, war er genauso zurückhaltend und geheimnisvoll und brachte stattdessen Nora zum Reden.

 

coffee cup

 

 

 


Vielen Dank!

Ihr 
Unterschrift

Lobotomie

Nach drei Wochen hält Nora es nun nicht mehr aus: Kann der Schüchterne nicht unter seiner braven Oberfläche doch ein wilder Kerl sein?
Nachdem sie den gesamten Tag miteinander verbracht haben und nun allein durch die Grotten unter dem Venustempel wandeln, rufen die verfallenen Ruinen genau die romantische Stimmung hervor, die sich Nora so sehnsüchtig herbeigesehnt hatte. Drei Wochen sind eine lange Zeit, wenn ihr Gegenüber sie aus seinen verlockenden, braunen Augen schüchtern anlächelt.
Nora legt den Kopf schief, blickt ihm flehend in ebenjene dunkelbraunen Augen und öffnet erneut den Knopf seines Hemdes. Sie spürt deutlich, dass er sich unwohl fühlt, dabei möchte sie doch nur, dass er es genauso genießt wie sie. Die Aufregung, entdeckt zu werden, das unheimliche Gemäuer … der Nervenkitzel treibt sie weiter voran.
Stefan hebt seine Hand, legt sie langsam auf die ihre und schiebt sie vorsichtig zurück. »Was hältst du davon … wenn wir zu mir gehen?«
Ihm fällt diese Frage sichtlich schwer. Er hat sie nie zuvor zu sich eingeladen und auch jetzt kommt der Vorschlag nur zögerlich.
Doch sie wartet schon so lange. Jede weitere Minute erscheint zu viel. Sie wünscht sich, jetzt sofort von Stefan gegen die kalte, spinnwebenverhangene Steinmauer gedrückt und so leidenschaftlich geliebt zu werden, dass ihr Hören und Sehen vergeht. Die abgedroschene Formulierung, die in jeder Liebesschnulze zu finden ist, bringt sie zum Schmunzeln.
»Was war das?« Stefan konzentriert sich auf einen Punkt in der Ferne und lauscht in die beginnende Dunkelheit.
»Da war nichts!« Genervt tritt Nora einen Schritt zurück und schaut ihn an. Vielleicht ist er ja tatsächlich ein Langweiler ohne jegliches Geheimnisvolle. Sie horcht ebenfalls angestrengt, doch kein Laut, außer den unumgänglichen der Natur, macht sich bemerkbar.
Ein leises Knacken dringt an ihr Ohr, als lande ein Vogel auf einem vertrockneten Laubhaufen. Ein Windhauch fährt sanft durch die verfallenen Mauern und hinterlässt ein Prickeln auf Noras Armen. Wäre sie allein, würde sie sich bestimmt fürchten. Aber Stefan ist bei ihr und die Schatten und Geräusche jagen ihr keine Angst ein.
Stefan fährt mit seinem Zeigefinger sanft über die aufgerichteten Härchen auf Noras Armen. »Lass uns zu mir gehen«, sagt er mit belegter Stimme und in Nora keimt die Hoffnung auf, dass er vielleicht doch kein Langweiler ist. Jedes Mal, wenn sie zweifelt und ihm den Rücken kehren möchte, überrascht er sie.
Da waren zunächst die ersten Tage nach ihrem Kennenlernen. Nora hatte sehnsüchtig auf seinen Anruf gewartet, da Kathi, die grundsätzlich mehr Glück mit Männern hatte, ihr tunlichst verboten hatte, sich bei ihm zu melden. Kaum hatte sie das Smartphone wütend auf das Bett gepfeffert und sich geschworen, um Männer in Zukunft einen großen Bogen zu machen, da wurde ein eingehender Anruf von Stefan verkündet.
Nach seinem lang ersehnten Anruf konnte sie es kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Leider kollidierte ihr Übermaß an Freizeit mit seinem Studium, sodass er alle Verabredungen entweder verschob, absagte oder ihr erst gar nicht zusagte.
Nora zweifelte mittlerweile an ihrer eigenen Wahrnehmung, doch dann führte er sie formvollendet zu diesem kleinen Italiener aus, der mit seiner selbstgemachten Pasta und den zauberhaften Kuchenkreationen als der neueste Geheimtipp galt.
Doch Nora hatte gelernt, dass Stefan schwer zu durchschauen war und sie niemals wusste, woran sie bei ihm war. Oberste Vorsicht war geboten!
Als auch der letzte Kuchenkrümel verschlungen war und sie wieder auf der Straße standen, zog er ihren Kopf zu sich heran und küsste sie. Schlagartig war es um sie geschehen.
»Lars wird wohl erst spät nach Hause kommen«, fährt Stefan fort. »Wir sind also ganz ungestört.«
Nora lächelt. Seine Studentenbude ist nicht so aufregend wie eine verfallene Ruine mitten in einem weitläufigen Park, aber sie ist sich ganz sicher, dass sie dennoch auf ihre Kosten kommen wird.
Es ist ein Anfang. Ob es sich lohnt, die Treffen mit Stefan fortzuführen, wird sich zeigen.
Nora tritt einen Schritt auf Stefan zu, stellt sich auf die Zehenspitzen und drückt ihm vorsichtig einen Kuss auf die Wange. Er riecht gut, verführerisch. Sollte es ihm tatsächlich zu schnell gehen, dann muss er dringend die Signale überprüfen, die er aussendet. Nora ist schließlich auch nur eine Frau.
Stefan lächelt. Er legt den Arm um ihren Nacken und zieht sie gar nicht schüchtern an sich heran, sucht ihre Lippen mit den seinen.
Nora versinkt in dem Kuss und für einen Moment blitzt der Gedanke auf, dass er vielleicht gar nicht so harmlos ist und sie jetzt genau dort hat, wo er sie haben möchte. Stille Wasser sind tief, pflegt ihre Mutter stets zu sagen.
Nora verwirft den Gedanken sofort wieder.
Ein großer Vogel erhebt sich vor dem Loch in der Wand in die Luft und wirbelt Blätter und Schmutz auf. Nora und Stefan zucken beide zusammen.
Nora lacht erleichtert auf und sucht Stefans Blick, möchte mit ihm gemeinsam über ihre Schreckhaftigkeit lachen.
Doch statt ebenso aufzulachen, starrt er mit geweiteten Augen auf einen Punkt über Noras Kopf.
»Hey, du Angsthase!« Nora lacht und greift nach seiner Hand. Sie haben lange genug Zeit verschwendet. »Das war bloß ein Vogel. Lass uns jetzt gehen!«
Doch Stefan reagiert nicht, sondern starrt bloß weiter in den dunkelblauen Abendhimmel. Seine Hand zieht sich fester um ihre zusammen. Sein Griff schmerzt und Nora bekommt es mit der Angst zu tun.
Ein lauter Knall zerbricht die Stille und Stefan sackt abrupt vor ihren Augen zusammen.
Bevor Nora weiß, wie ihr geschieht, wird ihr von hinten ein nasser Lappen auf das Gesicht gedrückt und die Welt um sie herum wird schwarz.

Nadine Teuber scaled

Nadine Teuber

entdeckte ihre Leidenschaft für Bücher im zarten Alter von fünf Jahren und begann fast zeitgleich mit dem Schreiben eigener (Kurz-)Geschichten.
 
Im Anschluss an ihr Chemie-Studium arbeitete sie einige Jahre im pharmazeutischen Bereich in unterschiedlichen Positionen.
 
Seit 2017 ist Nadine Teuber als Schriftstellerin tätig und veröffentlichte in unterschiedlichen Genre Bücher. In erster Linie konzentriert sie sich auf gesellschaftskritische Psychothriller.
 
Nadine Teuber lebt mit ihrer Familie in der Wahlheimat Berlin
 
 
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