Nadine Teuber – Unter Grund

Buchtipp Nr. 188

Nadine Teuber – Unter Grund

Ungläubig starrte Tian durch die Linse des Mikroskops. Hinter ihm hustete die wartende Patientin. Vor einer Woche war sie zu ihm in die Behandlung gekommen. Die Anzeichen typisch: Husten, Schnupfen, Fieber, massive Erschöpfung.
Er hatte einen Abstrich genommen, zum Labor geschickt und ihr ein gängiges Grippemittel verschrieben. Bettruhe, viel trinken – innerhalb von zwei Wochen sollte die Krankheit überstanden sein. Sie zählte nicht zu einer der gefährdeten Gruppen.
Mittlerweile sah sie jedoch aus wie der Tod höchstpersönlich. Die Augen blutunterlaufen, das Fieber so hoch, dass sie nicht selbst laufen konnte. Weshalb ihr Mann sie nicht ins Krankenhaus gebracht hatte, war Tian ein Rätsel.
Genauso wie der erneute Abstrich, den er mit dem Wattestäbchen auf dem Glasträger verteilt hatte. Die Krankheitserreger waren unter dem Mikroskop deutlich sichtbar. Rund mit aufgesetzten Stäbchen – dem Äußeren nach typische Influenzaviren.
Tian griff nach dem Telefon und wählte die Kurzwahl für das Diagnoselabor. »Dr. Zhāng hier. Ich benötige dringend die Diagnostik der Patientin 15LT06112019.«

 

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Vielen Dank!

Ihr 
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Ganzheitliche naturheilkundliche Schmerztherapie

Die Familie der Influenzaviren war derart groß, dass üblicherweise eine Subtyp-Bestimmung durchgeführt wurde. Das Erbgut wurde aus den Viren herausgetrennt, vermehrt und mit verschiedenen bekannten Gen-Sequenzen versetzt. Jene Sequenz, die sich mit dem Erbgut der Viren verband, gab Auskunft darüber, um welchen Subtyp es sich handelte. Dann konnte die Krankheit gezielt bekämpft werden.
Es dauerte lange, viel zu lange, bis der Mann am anderen Ende der Leitung antwortete. »Es tut mir leid, Dr. Zhāng. Es handelt sich definitiv um einen Influenzavirus, aber es ist kein bekannter Subtyp.«
Genau das hatte Tian befürchtet. Die Erreger zeigten sich resistent gegen alle Schnelltests, die einen Zerfall der Viren bewirkten.
Ein Krachen ertönte hinter ihm. Erschrocken drehte er sich um und war mit einem Satz bei der Patientin. Sie lag auf dem Boden, zitterte. Ihr Mann strich hilflos über ihre schweißnasse Stirn.
»Aus dem Weg!«, herrschte Tian den Mann an und griff nach ihrem Handgelenk. Der Puls war stark beschleunigt, röchelnd schnappte sie nach Luft. Tian griff erst nach dem Telefon, das mit der Rezeption verbunden war, brüllte knapp seine Anweisung hinein und wandte sich dann dem Mann der Patientin zu. »Helfen Sie mir, Ihre Frau auf die Liege zu legen.«
Er musste sie stabilisieren. Schnell! Infusion, Atemmaske, bevor sie erstickte – kurzzeitig und für nur eine Person war das in der Praxis möglich.
»Was ist mit ihr?«
Tian antwortete nicht. Er war beschäftigt, und außerdem wusste er es selbst nicht so genau. Influenza, doch kein bekannter Subtyp. Die gängigen Mittel halfen nicht.
»Bitte, sagen Sie es mir!« Der Mann war den Tränen nahe. »Wird sie wieder gesund?«
Tian stach die Nadel in den Arm der Frau, bewegte die Kanüle prüfend und schloss den Tropf an das Verbindungsstück an.
»Der Krankenwagen ist da«, informierte ihn die sanfte Stimme der Arzthelferin Shijia.
Zwei Sanitäter stürmten in das Behandlungszimmer, verfrachteten die Patientin unter den besorgten Fragen ihres Mannes auf eine mobile Trage und brachten sie hinaus.
Nachdenklich schaute Tian auf die jetzt leere Liege. Draußen blitzte das Blaulicht des Krankenwagens. »Shijia, suchst du mir bitte die Telefonnummer der Gesundheitsbehörde heraus?«
Sie nickte und brachte ihm wenige Minuten später das Telefon mit der bereits gewählten Nummer.
»Wir haben eine Patientin mit einem unbekannten Influenza-Virus«, informierte Tian den Beamten am anderen Ende der Leitung. Er schilderte die Symptome, die Verschlechterung des Gesundheitszustandes trotz Behandlung und das Telefonat mit dem Diagnoselabor.
»Vielen Dank für Ihre Meldung.« Das freundliche Lächeln des Beamten war hörbar. »Wir werden dem Fall nachgehen. Bitte bewahren Sie Ruhe und tragen Sie diese Informationen nicht nach außen. Eine Panik ist das Letzte, was wir gebrauchen können.«
Tian glaubte, sich verhört zu haben. »Denken Sie nicht, dass wir die Menschen warnen sollten? Zumindest diejenigen, die mit der Patientin Kontakt hatten?«
Der Beamte lachte. »Was möchten Sie tun? Sich selbst und alle Ihre Patienten unter Quarantäne stellen? Bleiben Sie ruhig! Ansonsten werden wir Sie wegen Verbreitung von Gerüchten verhaften lassen.«
Tian schluckte.
»Halten Sie sich an die Anweisung! Wir möchten doch schließlich keine Probleme miteinander bekommen.«

Nadine Teuber scaled

Nadine Teuber

entdeckte ihre Leidenschaft für Bücher im zarten Alter von fünf Jahren und begann fast zeitgleich mit dem Schreiben eigener (Kurz-)Geschichten.
 
Im Anschluss an ihr Chemie-Studium arbeitete sie einige Jahre im pharmazeutischen Bereich in unterschiedlichen Positionen.
 
Seit 2017 ist Nadine Teuber als Schriftstellerin tätig und veröffentlichte in unterschiedlichen Genre Bücher. In erster Linie konzentriert sie sich auf gesellschaftskritische Psychothriller.
 
Nadine Teuber lebt mit ihrer Familie in der Wahlheimat Berlin
 
 
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