Zuerst war die Entscheidung

Ja, Sie lesen richtig. Um regelmäßig laufen zu wollen, muss man sich dazu entschieden haben. Das ist so einfach wie logisch.

Aber was war der Grund für diese Entscheidung?

Wie aus dem Untertitel bereits ersichtlich, bin ich bereits jenseits der Fünfzig ansässig. Männer dieser Altersgruppe pflegen für gewöhnlich, ihr Leben und das Sein zu überdenken. So erging es auch mir. Ich hatte mit dem Rauchen aufgehört, weil mir der ständige Husten auf die Nerven ging und mir beim Treppensteigen die Luft wegblieb. Für einen Mann Mitte vierzig keine guten Zeichen.
Die Rauchentwöhnung verlief wider Erwarten recht unspektakulär und ohne viele Mühen. Allein darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben. Aber das haben Andere bereits gemacht. Deshalb werde ich  mich an dieser Stelle  nicht weiter mit diesem Thema befassen.
Aber zurück zum Rauchstopp. Ich war also „clean“. Seit Tagen. Später seit Wochen. Irgendetwas fehlte. Nicht die Zigarette, auch keine Süßigkeiten. Mir fehlte etwas Undefiniertes.
Da sah ich eines Tages einen Läufer. In diesem Fall war es in der Tat ein Läufer. Ein Mann. Und dieser Mann joggte ganz locker neben meinem Auto daher. Zu meiner Ehr-Errettung muss ich anmerken, dass ich auf eine rote Ampel zurollte, weswegen ich in Jogging-Geschwindigkeit auf der Straße unterwegs war. Da lief also dieser Mann neben mir her. Es wirkte alles so leicht und einfach. Er selber sah entspannt und irgendwie glücklich aus.
„Das wäre es“, war mein erster Gedanke, der mich für den Rest des Tages nicht mehr loslassen sollte. Zuhause angekommen erzählte ich meiner Frau von meinem „Erlebnis“. Ich muss wohl in allerhöchsten Tönen davon berichtet haben. Denn sie sagte nur: „Dann hol‘ Dir doch auch ein Paar Schuhe. Renne durch die Pampa und tue etwas für deine Gesundheit.“

Da hatte ich sie. Die Zustimmung meiner Frau. Und damit ausgerüstet machte ich mich auf den Weg zum Schuhkauf.
„Wo kaufe ich nun diese Schuhe?“ – Eine berechtigte Frage, die vor nahezu zehn Jahren einzig durch den Preis des Schuhwerks beantwortet wurde. Das Sportfachgeschäft am Ort war die preisliche Apotheke. So glaubte ich damals. Daher machte ich mich auf den Weg zum Warenhaus meines Vertrauens. Dort fand ich auch das eine oder andere Paar an Sportschuhen, das sich zum Laufen eignen könnte. Was tut der ahnungslose Laufanfänger in dieser Situation? Nun, er nimmt die Schuhe in die Hand, um das Gewicht zu „erfühlen“. Dreht den Schuh um die eigene Achse, um die Festigkeit zu prüfen. Und zu guter Letzt zieht er die Treter der engeren Wahl, wobei der Preis ein erhebliches Kriterium für deren Eignung liefert, an und befindet, dass die Laufschuhe das richtige Schuhwerk für die neue Passion sind. Dann schnell noch ein schickes Funktionslaufshirt in den Einkaufswagen gepackt. Eine Sporthose hat man ja noch zuhause. Die muss also nicht auch noch zu Schuhen und Shirt in den Wagen.
Wieder daheim. Es kann losgehen. Hmmmm oder doch nicht? „Welche Strecke soll ich laufen?“ und  „Wie weit soll ich laufen?“ „Also. Ich bin ja erst Mitte vierzig und nicht ganz unfit. Zudem bin ich früher (Anm.: in der Jugend) auch recht sportlich gewesen und häufig dreitausend Meter gelaufen (Anm.: das war ein gelegentlicher Programmpunkt im Sportunterricht). Da werde ich mal mit dreitausend Metern starten. Auch wenn es zu wenig sein sollte (Anm.: ein typischer Fall von Selbstüberschätzung)“.
Um die Laufstrecke in der Nähe zu ermitteln, gab es bereits vor zehn Jahren auch Google Maps. Sogar die Streckenlänge konnte man dort schon ermitteln. Also tat ich das und steckte meine Laufstrecke über ziemlich exakt drei Kilometer ab. Ich berücksichtigte sogar die Empfehlung, asphaltierte und betonierte Streckenabschnitte zu meiden. Alles perfekt, um endlich in ein neues und vitales Leben durchzustarten.
Ausgestattet mit den neuen Laufschuhen, dem schicken Funktionsshirt und den gebrauchten Sportshorts verließ ich, mit den besten Wünschen meiner Frau versehen, und einem Papierausdruck der Laufstrecke in der Hosentasche (Anm.: man kann sich ja nie wissen), das Haus zu meinem ersten Lauf.
Gut. Ich stand unten vor dem Haus und musste nur noch loslaufen. Und ich rannte los. Wie beim Pferderennen, wenn sich plötzlich die Startboxen öffnen und die Tiere, angetrieben von ihren Jockeys, in das Rennen starten. „Wie weit bin ich bereits gelaufen?“ – Diese Frage stellte ich mir nach gefühlten zweieinhalb Kilometern. Also fast schon wieder zuhause. Ein Blick zurück zeigte mir aber, dass ich erst gute einhundert Meter absolviert hatte. Da hatte ich wohl etwas falsch gemacht. War vielleicht einfach zu schnell losgeprescht. Aber, kein Problem, „mach ich halt langsamer.“
Kilometer eins. „Und diese bereits zurückgelegte Strecke noch zweimal so weit laufen? Puh….“ Und bei Kilometer „eins Komma eins“, als ich gerade eine Gehpause einlegen wollte, nein, einlegen musste. Da kam mir unser Nachbar entgegen. Was musste der mit seinem dämlichen Köter auch gerade jetzt Gassi gehen? Ausgerechnet auf meiner Laufstrecke. Also nix mit Gehpause. Alle Kraftreserven mobilisieren und so tun, als ob man ganz entspannt seine Runden dreht. Auch wenn ich in Wirklichkeit absolut am Limit unterwegs war. Schwäche zeigen. Das ging in diesem Augenblick gar nicht.
Und dann? Dann drehte der Kerl doch tatsächlich ab und verschwand, seinen eigenwilligen Vierbeiner hinter sich herziehend, auf einem Nebenweg. Der hatte mich noch nicht einmal gesehen! Da war ich aber bereits an meinem persönlichen „Point-of-no-Return“ angekommen. (Anm.: So nannte und nenne ich auch heute noch die Halbzeit. Die Hälfte der zu absolvierenden Strecke. Man kann umkehren oder die Runde zu Ende laufen. Bei drei Kilometern Lauflänge ist am Punkt eins-komma-fünf der Weg in jede Richtung gleich lang). Und das war das Fatale. Denn spätestens seit der kräftezehrenden Durchhalte-Aktion wegen des Nachbarns war ich total platt und ganz gleich, für welchen Weg ich mich entschied, ich hatte immer anderthalb Kilometer Heimweg vor mir. Dies ließ mich sehr schnell, leider aber auch schmerzhaft erkennen, dass ich mich maßlos überschätzt hatte. Auf diesem Feldweg, meilenweit weg von jedweder Zivilisation, fühlte ich mich so klein und einsam. Plötzlich verstand ich, wie sich Hänsel und Gretel gefühlt haben mussten. „Heim. Nur wie?“ – (Anm.: Um es abzukürzen, verweise ich an dieser Stelle darauf, dass ich lediglich nur auf einen halbwegs normalen Puls und einigermaßen flüssige Atmung hatte warten müssen.) Nachdem sich also mein Körper wieder außerhalb der tiefroten Belastungszone befand, schaffte ich es irgendwie und jeglicher Befürchtung meinerseits zum Trotz, nachhause zu kommen. Keuchend wie Emma, die Lok von Lukas, dem Lokomotivführer, schweißgebadet und mit letzter Kraft kam ich daheim an. Niemals zuvor war es schöner, sich zu setzen und etwas zu trinken. Und als der Hustenreiz abgenommen hatte, sowie die Atmung wieder halbwegs normal war, sogar zu reden.



 

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